Die Plattform «Zürich Sozial» will gesellschaftliche Entwicklungen aufgreifen und dem Sozialbereich konkrete Impulse liefern. Im Rahmen von Reallabors bringt sie Praktiker*innen und Forschende zusammen, um konkrete Lösungsideen weiterzuentwickeln. Die bisherigen Erfahrungen mit dem Format sind vielversprechend.
Ein «Reallabor» ist ein transdisziplinäres Format, das Raum für Austausch, Innovation und Vernetzung bietet. Auf der Grundlage des vorhergehenden Trend-Monitors setzt Zürich Sozial Themen und bringt passende Fachpersonen, Praxisorganisationen sowie Vertreter*innen kantonaler und kommunale Behörden und der ZHAW an einen Tisch. Im Reallabor werden ausgewählte Brennpunkte aus dem Trend-Monitor aufgegriffen und neue Handlungsansätze ausgelotet.
Drei Protagonist*innen berichten über ihre Erfahrungen mit diesem Format.
Die Schule als «Resilienz-Zentrum»
Die Sozialpädagogin Denise Brandenberger brachte im Reallabor eine Projektidee ein, die sich den Themen Schulabsentismus und psychische Belastungen bei Jugendlichen widmet.
Projekt «SuperHelden.ch»
Mit dem Projekt «SuperHelden.ch» soll die Schule grundlegend neu konzipiert werden: nicht nur als Ort der Bildung, sondern auch als Ort, wo sich Kinder entwickeln, Resilienz aufbauen und Krisen bewältigen können. Der Zunahme psychischer Probleme soll dadurch mit einem präventiven Ansatz begegnet werden, und zwar dort, wo sich Kinder und Jugendliche ohnehin einen Grossteil ihrer Zeit aufhalten.
Innerhalb einer Schule sollen dazu besondere Räume geschaffen werden, die als «PowerZone» dienen: als Ort des Rückzugs, aber auch der Unterstützung durch kompetente Fachpersonen bzw. Coaches, die mit den Kindern und Jugendlichen an der Entwicklung ihrer emotionalen und sozialen Kompetenzen unterstützen.
Die Projektidee konnte im Reallabor weiter konkretisiert werden. Bislang konnte sie noch nicht umgesetzt werden, aktuell ist sie im Neuaufbau.
« Die positiven Rückmeldungen von Menschen, die selbst Erfahrung mit diesen Themen haben, waren sehr wertvoll für mich. Es war eine Art von Realitätscheck. »
Denise, was war dein Impuls für dieses Projekt?
Denise: In einer typischen Schweizer Schulklasse mit rund 20 Schülerinnen und Schülern sind statistisch gesehen etwa 2 bis 4 Kinder oder Jugendliche von einer diagnostizierten psychischen Störung betroffen. Bezieht man auch leichtere psychische Belastungen, starken Stress oder vorübergehende Krisen mit ein, sind es sogar etwa 5 bis 6 Schülerinnen und Schüler pro Klasse. Das zeigt, dass psychische Gesundheit ein Thema ist, das praktisch jede Schulklasse betrifft. Ich finde, es muss das Ziel von uns als Gesellschaft sein, dass wir jedem Kind eine gesunde Entwicklung ermöglichen können. Manche Elternbringen ihre Kinder in Privatschulen unter. Das ist schön und gut, aber viele Menschen können sich keine Privatschule leisten. Die Themen bleiben in den öffentlichen Schulen ungelöst. Wir kommen nicht darum herum, da hinzuschauen.
Mit deiner Idee schlägst du präventive Massnahmen vor.
Denise: Genau. Ich stelle fest, dass wir in unserer Gesellschaft eher problemorientiert und auf Massnahmen ausgerichtet sind. Statt dass wir mehr in Prävention investieren würden, reagieren wir erst, wenn es schon brennt. Menschen im Nachhinein aufzufangen ist aber viel teurer und aufwändiger. Einen Nährboden zu schaffen, aus dem heraus Gesundheit entstehen kann, wäre der einfachere und sogar der kostengünstigere Weg. Das sehen wir jetzt auch in den Schulsystemen. Da gibt es viele Menschen, die versuchen, diese Brandherde zu löschen und die sich dabei selber verbrennen. Wenn aber innerhalb des Schulkonstrukts alle nur noch am Rennen sind, weil alle am Anschlag sind, sind die Kinder am Schluss die Leittragenden.

Denise Brandenberger
Was hat dir das Reallabor für die Weiterentwicklung deiner Projektidee gebracht?
Denise: Einerseits war es für mich eine sehr spannende Erfahrung, eine Idee, die ich mit mir herumgetragen habe, einer Gruppe interessierter Fachpersonen zu präsentieren. Die positiven Rückmeldungen von Menschen, die selbst Erfahrung mit diesen Themen haben, waren sehr wertvoll für mich. Es war eine Art von Realitätscheck. Andererseits fand ich toll, dass verschiedene Menschen mit verschiedenen Ansichten zusammengekommen sind, um das Thema von verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und zusätzliche neue Ideen einzubringen.
Trotzdem konntest du das Projekt bislang nicht realisieren. Weshalb ging es nicht weiter?
Denise: Das ist vor allem eine Frage meiner Ressourcen. Die Umsetzung wäre ja an sich schon ein Vollzeitjob. Als Mama von zwei schulpflichtigen Kindern ist es für mich im Moment kaum möglich, eine so grosse Projektidee alleine zu stemmen. Meine Challenge ist jetzt herauszufinden, wie es weitergehen kann. Ich hoffe sehr, dass da Türen aufgehen, denn das Thema ist da und wird bleiben. Es geht dabei um die Zukunft von unseren Kindern und Jugendlichen. Viele Eltern sind arbeitstätig und die Kinder verbringen einen grossen Teil ihrer Zeit in die Schule.Damit übernimmt die Schule heute auch einen wichtigen Erziehungsauftrag – und genau darin liegt eine grosse Chance. Gemeinsam könnten wir hier noch viel mehr bewirken und die grössten Ressourcen sind dabei die Kinder selbst.
Was würdest du brauchen, um das Projekt weiterzuverfolgen?
Denise: Wenn ich ganz frei wünschen könnte, wäre es natürlich für mich am spannendsten, zum Beispiel von der ZHAW oder einer Schule mal für ein Jahr angestellt zu werden, um ein solches Projekt aufbauen zu können. Wenn jemand sagen würde, ich gebe dir ein Jahr, bring die richtigen Leute zusammen und go for it, da wäre ich voll dabei. Wenn man genügend Zeit hat, um sich mental mal nur auf etwas einzulassen, dann kommt auch energetisch ganz etwas anderes dabei heraus.
Hättest du im Reallabor mehr Menschen gebraucht, die deine Idee konkret unterstützt und mitgetragen hätten?
Denise: Gerade in der Anfangsphase wären regelmässige Treffen wichtig gewesen, um die Energie hochzuhalten, sich gegenseitig zu stärken und das Projekt gemeinsam Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Ein Projekt, an einem Ort wie der Schule einbringen zu wollen braucht einen hohen Energiepegel. Als Einzelkämpferin konnte ich das nicht. Im Nachhinein würde ich versuchen, mehr Verbindlichkeit zu schaffen und mit interessierten Personen gleich einen weiteren Austausch zu planen.
Du bist innerhalb deiner Familie persönlich vom Thema Schulabsentismus betroffen gewesen. War das für dein Engagement ein Vorteil oder kann das auch schwierig sein?
Denise: Es hat beide Aspekte. Ich war schon vorher lange in der Kinder und Jugendarbeit tätig, aber durch eigene Betroffenheit, das heisst dadurch, dass mein Engagement nicht nur auf theoretischem Wissen, sondern auf eigener Erfahrung basiert, ist meine Motivation noch grösser, etwas zu bewirken.
Was sind die schwierigen Seiten?
Denise: Schwierig ist für mich, dass ich als Alleinkämpferin viel Energie in eine Idee hineingesteckt habe, die ich – zumindest bis jetzt - nicht verwirklichen konnte.
Leerkündigungen Sozialverträglich gestalten
Mit dem Mieter*innen-Büro will die Stadt Zürich die sozialen Auswirkungen von Leerkündigungen abfedern, damit grosse Bauvorhaben möglichst sozialverträglich umgesetzt werden können. Insbesondere vulnerable Personengruppen sollen die erforderliche Hilfe erhalten. Jonas Bösiger, Sozialarbeiter und Projektverantwortlicher beim Mieter*innen-Büro, berichtet, wie ihm das Reallabor bei der Weiterentwicklung des Projektes geholfen hat.
Mieter*innen-Büro
Die Stadt Zürich unterstützt Mieter*innen, die von Leerkündigungen im Zusammenhang mit grösseren Bauprojekten betroffen sind. Voraussetzung ist, dass die beteiligten Bauträger bereit sind, den Prozess sozialverträglich zu gestalten. In diesen Fällen kann die Stadt gemeinsam mit den Bauträgern ein Mieter*innen-Büro betreiben, das die Betroffenen bei der Wohnungssuche begleitet und bei Bedarf finanzielle Überbrückungshilfen für Umzugskosten oder Mietkautionen vermittelt.
Jonas, ihr leistet Soziale Arbeit in einem profitorientierten Umfeld. Wie kommt diese Zusammenarbeit mit den Bauträgern zustande?
Jonas: Das Angebotskonzept des Mieter*innen-Büros der Sozialen Dienste besteht seit vielen Jahren und wird aktuell im Rahmen eines Pilotprojekts auch mit zwei privaten Bauträgerschaften eingesetzt. Voraussetzung ist die Zusammenarbeit mit Bauträgerschaften, die eine sozialverträgliche Lösung im Rahmen von Leerkündigungen anstreben. Dabei wird eine Vereinbarung erarbeitet, in der wir mit den Bauträgern festlegen, welche Leistungen sie für eine sozialverträgliche Abwicklung sicherstellen müssen, z.B. Wohnungen für betroffene Mietende akquirieren, finanzielle Unterstützung beim Umzug leisten, etc. Wir Sozialarbeiter*innen unterstützen dann Mieter*innen bei der Suche nach einer neuen Wohnung, die auf dem regulären Weg wenig Chancen hätten. Besonders hilfreich ist, dass wir unsere Büroräumlichkeiten direkt in der vom Abbruch bedrohten Siedlung einrichten. So haben die Betroffenen einen niederschwelligen und raschen Zugang zu unserem Angebot.
Mit welchem Projekt seid ihr ins Reallabor?
Jonas: Ins Mieter*innen-Büro kommen oft sehr vulnerable Personen mit wenig Ressourcen. Für sie ist die Wohnungssuche via digitale Kanäle sehr anspruchsvoll. Zum einen sind bei Wohnbaugenossenschaften Inserate oft nur für kurze Zeit online. Zum anderen ist der Wohnungsmarkt durch die Vielfalt an Plattformen mit jeweils unterschiedlichen Inseratestrukturen unübersichtlich. Das erschwert es den Betroffenen, die entscheidende Informationen über Besichtigungstermine, Anmeldungsmöglichkeiten etc. zu finden. Unsere Idee ist die Entwicklung einer App, die den Wohnungssuchenden gezielt aufbereitete Wohnungsinserate bereitstellt und sie darüber informiert, welches die nächsten erforderlichen Schritte sind.
Welche Erwartungen hattest du an das Reallabor
Jonas: Eine App zu entwickeln ist komplex und mit einem grossen Aufwand verbunden. Der Realitätscheck des Reallabors – die Idee anderen Fachpersonen aus der Praxis und der Hochschule vorzustellen und zu hören, welche Inputs und Rückmeldungen sie haben – war für uns sehr wichtig.

Jonas Bösiger
Projektleiter Mieter*innen-Büro
Sozialdepartement Stadt Zürich
« Die Rückmeldungen aus dem Reallabor konnten wir in die internen Diskussionen einbringen. »
Haben dich die Rückmeldungen weitergebracht?
Jonas: Ja, auf jeden Fall. Wir erhielten viele hilfreiche Inputs. Besonders gefreut hat uns jedoch, dass die Idee einer App sehr gut angekommen ist. Die Teilnehmenden im Reallabor schätzten sie als guten Ansatz ein, um Menschen im Prozess der Wohnungssuche zu unterstützen. Diese Rückmeldungen konnten wir in die internen Diskussionen einbringen.
Welches Fazit ziehst du aus deiner Teilnahme am Reallabor?
Jonas: Ich habe im Reallabor ein wirkliches Interesse an unserem Projekt erlebt, und wir konnten in vielerlei Hinsicht von der Teilnahme profitieren. Besonders wertschätzend fand ich, dass die Verantwortlichen auch nach Abschluss den Kontakt zu den Projekteinbringenden aufrechterhalten und sich regelmässig nach dem Stand des Projekts erkundigen. Aus meiner Sicht kam die Thematik Datenschutz und IT-Sicherheit etwas zu kurz. Gerade bei digitalen Projekten im sozialen Bereich wäre es sinnvoll, Fachpersonen aus diesen Bereichen noch stärker einzubeziehen.
Das Reallabor als Katalysator für Lösungsideen
Melike Hocaoglu ist Mitverantwortliche für die Organisation und Durchführung der Reallabors. Mit ihr haben wir über die Hintergründe gesprochen.
Was ist das Ziel der Reallabore?
Melike: Mit dem Format des Reallabors möchten wir die Praxis darin unterstützen, gute Angebote bereitzustellen. Wir glauben, dass es oft mehr bringt, «kleine Brötchen zu backen», als einen grossen Wurf realisieren zu wollen. Und in der Praxis gibt es viele Leute mit guten Ideen. Solchen Projekten und Personen, die schon an Lösungen dran sind, wollen wir mit dem Reallabor eine Plattform geben und sie mit anderen Interessierten aus dem Sozialbereich vernetzen.

Melike Hocaoglu
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
ZHAW - Institut für Sozialmanagement
« Ich schätze es sehr, dass sich Menschen trotz knapper Ressourcen die Zeit nehmen, um sich gegenseitig zu unterstützen, sich zu vernetzen, und mitzudenken. Von dem lebt das Reallabor. »
Was sind eure Erfahrungen mit den bisher zwei Durchführungen des Reallabors?
Melike: Das erste Reallabor haben wir sehr allgemein gestaltet. Ausgehend vom Trend- Monitor bearbeiteten wir die Themen steigende Wohnungsnot und zunehmende psychische Erkrankungen. Die Teilnehmenden fanden die Möglichkeit, sich auszutauschen und gemeinsamen Ideen zu entwickeln, sehr wertvoll. Für die zweite Durchführung wollten wir das Reallabor noch stärker als Katalysator für bereits bestehende Lösungsideen nutzen. Das hat sehr gut funktioniert.
Wo liegen die Grenzen des Formats?
Melike: Wir können einen Anschub geben, aber wenn es systeminhärente Gründe gibt, die Prozesse behindern, können wir das natürlich nicht ändern.
Die beiden eigegebenen Projektideen unterscheiden sich stark. Das Mieter*innen-Büro ist eingebettet in eine bereits bestehende Organisation der Stadt. Mit dem Superhelden.ch-Projekt hingegen will eine einzelne Person einen Kulturwandel in der Schule erreichen. Hat sich das Format für beide Projekte bewährt?
Melike: Für manche Projekte reicht es, einfach einige Inputs mitnehmen und dann weitergehen zu können. In anderen Fällen reicht bloss ideelle Unterstützung nicht, gerade wenn ein struktureller Wandel angestrebt wird. Wir überlegen uns daher aufgrund der Erfahrungen, was es für solche Projekte allenfalls noch zusätzlich braucht. Wichtig uns auch darauf zu achten, dass engagierte Personen sich nicht überfordern.
Oft fehlen finanzielle Mittel für die Umsetzung von Projekten. Hat das Reallabor eine Möglichkeit, Anschubfinanzierungen zu unterstützen?
Melike: Ja, dazu haben wir Amanda Felber vom Social Entrepreneurship Labor ins Reallabor eingeladen. Das ist ein Gefäss der ZHAW, das Anschubfinanzierungen leisten kann, um Projekte zu realisieren.
Ihr plant für nächstes Jahr wieder ein Reallabor. Gibt es vom Format her weitere Anpassungen?
Melike; Wir behalten sicher bei, dass wir versuchen, bereits bestehende Projekte weiterzuentwickeln, so wie wir es bei der zweiten Durchführung gemacht haben. Was mich aber sehr beschäftigt ist die Frage nach dem danach, wie was wir noch verbessern können, damit die Eingebenden noch einen grösseren Nutzen haben.
Ein abschliessendes Statement?
Melike: Ich schätze es sehr, dass sich Menschen trotz knapper Ressourcen die Zeit nehmen, um sich gegenseitig zu unterstützen, sich zu vernetzen, und mitzudenken. Von dem lebt das Reallabor.
Autor*in

Martin Heiniger
Fachredaktion
Sozialinfo

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