Digitalität prägt die Lebenswelt der Adressat*innen: Übers Handy erfährt der Jugendliche vom Workshop im Jugendtreff, die Bewohnerin postet ihre Idee für den Quartierplatz, Vater und Tochter melden sich online zur Spielgruppe an. Digitalität ist Alltag – auch für die Soziokultur. Die Praxisbroschüre «Digitalität und Soziokultur» zeigt, wie Einrichtungen diesen Wandel mitgestalten können.
«Analog» und «digital» lassen sich im Alltag kaum mehr trennen. Diese Verflechtung bezeichnet die Fachliteratur als Digitalität. Viele Quartierzentren, Jugendtreffs und Gemeinwesenprojekte fragen sich: Was bedeutet der digitale Wandel für unsere Arbeit? Womit fangen wir an? Für die Soziokultur geht es dabei nicht nur darum, digitale Angebote zu schaffen oder Werkzeuge einzusetzen, sondern die eigene Praxis im Kontext veränderter Lebenswelten weiterzuentwickeln. Die Praxisbroschüre «Digitalität und Soziokultur» der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW und des Vereins Radarstation bietet dafür Orientierung. Sie bündelt Wissen, Empfehlungen und Denkanstösse für alle Phasen eines solchen Entwicklungsprozesses.
Am Beispiel eines fiktiven Quartiertreffs wird deutlich, wie ein solcher Entwicklungsprozess aussehen kann und welche Unterstützung die Broschüre dabei bietet.
Warum «Soziokultur in der Digitalität»?
Die Broschüre spricht bewusst von «Soziokultur in der Digitalität» statt von «digitaler Soziokultur». Denn es geht nicht allein um Online-Angebote oder den Einsatz digitaler Werkzeuge. Im Zentrum steht die Frage, wie Soziokultur auf eine Lebenswelt reagiert, in der Analoges und Digitales miteinander verflochten sind. Die Grundprinzipien der Soziokultur bleiben dabei bestehen, ihre praktische Umsetzung entwickelt sich weiter. Das betrifft sämtliche Arbeitsbereiche – von der Bedürfnisermittlung über die Angebotsgestaltung bis zur Zusammenarbeit im Team.
Beim Bestehenden beginnen
Am Anfang steht die Frage: Was brauchen die Menschen im Quartier eigentlich? Um das herauszufinden, müssen Einrichtungen keine aufwendige Studie starten. Ihre grösste Ressource sind die bestehenden Angebote und Beziehungen.
Im Quartiertreff kommen Fachpersonen mit verschiedenen Menschen ins Gespräch – bei der Schlüsselübergabe an Gruppen, die die Räumlichkeiten nutzen, bei der Materialausleihe oder am Mittagstisch. Diese Begegnungen lassen sich nutzen, um Probleme, Wünsche oder Erfahrungen mit Bezug auf digitale Technologien kennenzulernen: Welche Fragen treiben die Person um, welche Tools nutzt sie gerne, über welche Angebote würde sie sich freuen?
Das ist wichtig, weil digitale Lebenswelten sehr subjektiv sind und sich von aussen kaum beobachten lassen. Ein Chat unter Nachbar*innen kann genauso ein Sozialraum sein wie der Innenhof – sichtbar wird er oft erst im Gespräch oder im Austausch zwischen Fachperson und Adressat*in. Neben informellen Gesprächen eignen sich auch moderierte Gruppendiskussionen, Beobachtungen im Jugendtreff oder Fragebogen. Alle diese Methoden zur Bedürfnisermittlung werden in der Broschüre im Detail vorgestellt.
An Aufgaben anknüpfen
Im zweiten Schritt verbindet der Quartiertreff die ermittelten Bedürfnisse mit seinem Auftrag. Dabei knüpft er an Vertrautes an: Die Aufgaben und Prinzipien der Soziokultur bleiben bestehen, erhalten in einer von Digitalität geprägten Gesellschaft aber neue Facetten. Bestehende Angebote können weiterentwickelt und neue Aktivitäten geschaffen werden.
Zeigen die informellen Gespräche im Quartiertreff etwa, dass ältere Menschen Mühe mit dem Billettkauf per App oder mit online Formularen der Verwaltung haben, kann der Treff im offenen Angebot Unterstützung anbieten – als Schreibdienst oder als Lerncafé, in dem Jugendliche und Senior*innen voneinander lernen. Das Angebot findet vor Ort statt, greift aber Herausforderungen auf, die durch die Digitalisierung des Alltags entstehen. Dabei kann der Quartiertreff mit Vereinen und Initiativen zusammenarbeiten, die entsprechendes Fachwissen mitbringen.
Lust auf Inspiration?
Diese Beispiele zeigen, wie vielfältig Soziokultur in der Digitalität gestaltet werden kann. Die Projekte greifen unterschiedliche Bedürfnisse auf und verbinden digitale Möglichkeiten mit Begegnung, Beteiligung und Unterstützung im Alltag:
Ressourcen sichern
Soziokulturelle Arbeit in der Digitalität verlangt zusätzliche Kompetenzen. Fachpersonen brauchen Wissen darüber, wie Digitalität Gesellschaft und Lebenswelten prägt, und sie brauchen eigene Medienkompetenz. Ebenso wichtig ist eine professionelle Haltung: offen und neugierig, aber ohne Zwang zur Technikbegeisterung. Niemand muss alles können. Es hilft, die eigenen Stärken zu kennen, Schwerpunkte zu setzen und bei Bedarf externe Fachleute beizuziehen. Bei der Technik gilt: Kein Werkzeug ist pauschal gut oder schlecht. Wie bei Methoden der Sozialen Arbeit richtet sich die Wahl nach Ziel, Zielgruppe und Rahmenbedingungen. WhatsApp und Signal etwa funktionieren fast gleich, unterscheiden sich beim Datenschutz aber deutlich. Welcher Messenger fachlich besser passt, hängt von der Lebenswelt der Adressat*innen ab.
Datenschutz und Inklusion mitdenken
Zwei Querschnittsthemen begleiten den Quartiertreff auf seinem ganzen Weg. Beim Datenschutz stecken Fachpersonen oft in einem Dilemma: Instagram oder WhatsApp sind für viele Menschen alltäglich, genügen aber hohen Datenschutzansprüchen nicht. Datenschutzfreundliche Alternativen sind dagegen oft wenig bekannt. Die Broschüre zeigt Auswege: etwa sensible Informationen bewusst über sichere Kanäle zu teilen oder Alternativen gemeinsam mit den Nutzenden zu erkunden.
Ebenso zentral ist digitale Inklusion. Laut Bundesamt für Statistik haben rund 20 Prozent der Bevölkerung nur geringe oder keine digitalen Kenntnisse. Einrichtungen müssen deshalb darauf achten, dass ihre Angebote auch für Menschen mit unterschiedlichen digitalen Kompetenzen zugänglich bleiben. Digitale Zugänge sollen zusätzliche Möglichkeiten eröffnen, ohne bestehende analoge Zugänge zu verdrängen. Zudem gilt es, Angebote mit den Zielgruppen zu entwickeln, nicht nur für sie. Und Mehrsprachigkeit gehört in die Angebotsgestaltung, statt sie den Einzelnen und ihren Übersetzungs-Apps zu überlassen.
Verstetigen
Häufig beginnt die Auseinandersetzung mit Digitalität bei einer engagierten Fachperson, die ein neues Werkzeug ausprobiert oder eine bestehende Arbeitsweise hinterfragt. Damit solche Impulse langfristig verankert werden können, braucht es das ganze Team. Dabei ist es wichtig, zuerst die unterschiedlichen Haltungen im Team sichtbar zu machen – kritische ebenso wie begeisterte – und daraus gemeinsame Leitlinien zu entwickeln. Ziel ist, dass die Weiterentwicklung von Angeboten und Arbeitsweisen im Kontext von Digitalität nicht an einzelnen Personen hängt und genügend Zeit dafür zur Verfügung steht.
Ob der Quartiertreff neue digitale Angebote, angepasste Arbeitsweisen und weitere Veränderungen dauerhaft halten kann, entscheidet sich jedoch nicht allein im Team. Leitung und Trägerschaft müssen die Strategie mittragen. Es braucht ausreichend Zeit, Personal und Geld. Die technische Infrastruktur muss stabil und sicher sein und sich gemeinsam nutzen lassen. Angebote sollten regelmässig überprüft und weiterentwickelt werden. Und es braucht eine Kultur, in der neue Ideen und Kritik gleichermassen Platz haben.
Gefordert sind aber auch Politik, Verwaltung und Förderstellen. Digitale Entwicklung braucht eine Regelfinanzierung und kann nicht nur über befristete Projekte laufen. Gerade kleinere Einrichtungen profitieren von gemeinsamen Strukturen. Fachstellen für Digitalität, eine Beratung zum Datenschutz oder regionale Materialpools können entlasten. Wer Softwareprojekte fördert, orientiert sich besser an klaren Kriterien als an pauschalen Kostenobergrenzen. Und weil Sozialräume heute auch digitale Räume umfassen, sollten Leistungsaufträge nicht mehr nur physische Räume im Blick haben.
…und weitergehen
Soziokultur in der Digitalität steht noch am Anfang und entwickelt sich rasch weiter.
Die Praxisbroschüre versteht sich deshalb nicht als fertiges Rezept, sondern als Einladung, gemeinsam weiterzulernen: kritisch, kreativ und mit Blick auf soziale Gerechtigkeit.
Wer tiefer einsteigen will, findet in der Broschüre neben den hier angerissenen Themen ein Kompetenzmodell für Fachpersonen, Reflexionsfragen, konkrete Handlungsempfehlungen und viele inspirierende Praxisbeispiele. Sie steht kostenlos zum Download bereit.
Willst du mehr erfahren?
Hier findest du weitere Infos:
Autor*innen

Simone Tappert
Dozentin, Stadtforscherin, Kultur- und Sozialanthropologin
Hochschule für Soziale Arbeit FHNW
Kontakt

Eike Rösch
Projektleiter
Verein Radarstation
Kontakt


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