AvenirSocial hat den überarbeiteten und neu gestalteten Berufskodex für die Soziale Arbeit veröffentlicht. Nebst den bewährten Grundprinzipien enthält er auch neue Aspekte.
Professionelle Soziale Arbeit basiert auf ethischen Prinzipien. Mit dem Berufskodex liefert AvenirSocial die dazu notwendigen Grundlagen und legt die moralischen Leitlinien für das berufliche Handeln in der Sozialen Arbeit dar. Die erste Fassung, die vor fünfzehn Jahren entstand, wurde grundlegend überarbeitet und erneuert. Wir haben mit Nadia Bisang, Co-Geschäftsleiterin von AvenirSocial, über die Hintergründe und die Entstehung des neuen Berufskodex gesprochen.
Martin Heiniger/Sozialinfo: Die erste Ausgabe des Berufskodex erschien vor 15 Jahren. Wie hat er sich aus deiner Sicht bewährt?
Nadia Bisang: Der Berufskodex ist ein Grundlagendokument, mit dem wir Fachpersonen der Sozialen Arbeit in ihrer beruflichen Sozialisation sowie Praxis unterstützen. Auch wenn die Praxis in den verschiedenen Arbeitsfeldern sehr unterschiedlich aussieht, bietet er einen gemeinsamen Orientierungsrahmen, auf den sich alle berufen können. Zudem ermöglicht er den Diskurs darüber, was wir unter Begriffen wie etwa Partizipation, Selbstbestimmung oder sozialer Gerechtigkeit verstehen. Inhaltlich hat er sich insofern bewährt, als dass viele wichtige Aspekte wie etwa die darin formulierten Grundprinzipien für die neue Ausgabe übernommen wurden.
« Ein wichtiges Thema, das neu hinzugekommen ist, ist Nachhaltigkeit. »
Welche inhaltlichen Veränderungen oder Anpassungen in der Neuausgabe sind für dich besonders wichtig?
Nadia: Ein wichtiges Thema, das neu hinzugekommen ist, ist Nachhaltigkeit. Der Diskurs um die Verantwortung der Sozialen Arbeit in ökosozialen Themen hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Weitere Themen, die neu aufgenommen wurden, sind etwa Prävention oder der Umgang mit Digitalität.

Nadia Bisang
Co-Geschäftsleiterin
AvenirSocial
Der Einbezug ökologischer Fragen ist mir aufgefallen. Gibt es einen «ecological turn» in der Sozialen Arbeit?
Nadia: Diese Formulierung wäre wohl etwas zu stark. Wenn ich mit Studierenden zu tun habe, stelle ich zwar fest, dass diese Themen sie stark beschäftigen. Hingegen scheint mir, dass sie in der täglichen Praxis der Sozialen Arbeit nach wie vor wenig präsent sind. Da wir das Thema sehr wichtig finden, möchten wir dazu beitragen, dass es mehr Beachtung findet.
Angesichts der ökologischen Herausforderungen, die etwa der Club of Rome mit seinem Bericht «Grenzen des Wachstums» bereits in den 70er Jahren thematisiert hat, könnte man auch fragen: warum erst jetzt?
Nadia: Auf der internationalen Ebene gibt es schon länger eine Auseinandersetzung dazu. So organisiert der Internationale Verband für Soziale Arbeit IFSW Konferenzen zu Fragen ökosozialer Verantwortung. Da im IFSW sowohl Länder des Nordens als auch des stärker betroffenen globalen Südens vertreten sind, bietet der Verband einen Rahmen für solche Auseinandersetzungen. Ein zentrales Grundlagendokument, das in diesem Zusammenhang entstanden ist, ist die «Peoples Charter for an Eco-Social World». Um diesen Diskurs in die schweizerische Fachwelt einzubringen, haben wir die Charta ins Deutsche und Französische übersetzt. Dabei war es uns wichtig zu reflektieren, was die darin behandelten Themen für Fachpersonen der Sozialen Arbeit in der Schweiz bedeuten. Die «Charta für eine sozial-ökologische Schweiz» ist deshalb nicht nur eine sprachliche, sondern auch eine inhaltliche Übersetzung.
Oft werden Anpassungen an neue Umstände diskutiert – etwa, wenn die Stadtplanung auf höhere Temperaturen ausgerichtet wird, um den gesundheitlichen Problemen alter Menschen zu begegnen. Die Menschenrechte beziehen sich aber nicht nur auf unsere Zeitgenoss*innen, sondern fordern auch Solidarität mit nachkommenden Generationen. Soll sich die Soziale Arbeit aus deiner Sicht auch für Ursachenbekämpfung einsetzen?
Nadia: Aus der Definition Sozialer Arbeit wird klar, dass wir Probleme immer auf verschiedenen Ebenen angehen müssen, das heisst immer sowohl direkt auf der Mikroebene mit den Adressat*innen, als auch auf der Mesoebene in der Zusammenarbeit mit Organisationen und auf der Makroebene der Strukturen. Das können wirtschaftliche oder bauliche Strukturen sein, aber auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die soziale Ungerechtigkeiten begünstigen, bei denen die Soziale Arbeit eine Rolle spielen muss, um Lösungen für eine gerechtere Gesellschaft zu finden.
« Der neue Berufskodex ist so formuliert, dass er auf sich rasch verändernde technologische und gesellschaftliche Entwicklungen anwendbar bleibt. »
Ein weiteres neues Thema, mit dem sich die Soziale Arbeit auseinandersetzen muss, ist KI. Was sagt der Berufskodex dazu?
Nadia: Mit der Überarbeitung des Berufskodex haben wir bereits 2019 begonnen. Themen wie Künstliche Intelligenz waren damals noch nicht in der heutigen Dringlichkeit präsent. Der neue Berufskodex ist deshalb bewusst so formuliert, dass er auch auf sich rasch verändernde technologische und gesellschaftliche Entwicklungen anwendbar bleibt, ohne für einzelne Technologien abschliessende Antworten vorzugeben. Die inhaltliche Vertiefung erfolgt in den Begleitressourcen, die wir laufend aktualisieren können. Dort bearbeiten wir auch das Thema Digitalität und KI weiter. Zusätzlich haben wir eine Fachgruppe Digitalisierung, die sich damit auseinandersetzt, was digitale Entwicklungen für die Soziale Arbeit und ihre Fachpersonen bedeuten. In diesem Rahmen bleiben wir auch am Thema KI kontinuierlich dran. Dabei ist wichtig, dass wir KI immer an den grundlegenden Prinzipien messen: Was bedeutet ihr Einsatz für die Menschenrechte, für Partizipation und für das Diskriminierungsverbot? Auch dafür bietet der Berufskodex eine wichtige Grundlage.
« Uns war klar, dass wir den Prozess zweisprachig aufstellen müssen, um eine gemeinsame fachliche und sprachliche Identität zu entwickeln. »
Wer hat die Erneuerung des Berufskodex lanciert?
Nadia: Die ersten Reflexionen haben begonnen, als der IFSW 2014 seine neue Internationale Definition der Sozialen Arbeit herausgegeben hat. 2018 haben dann der Internationale Verband und die internationalen Schulen ethische Richtlinien herausgegeben. Diese «ethical principles» waren noch ein weiteres wichtiges Grundlagendokument auf internationaler Ebene. Der Vorstand kam dann zum Schluss, dass es grundlegendere Anpassungen am Berufskodex braucht. Wir haben bei unseren Mitgliedern eine grosse Umfrage gemacht, um den Berufskodex zu evaluieren, an der fast 1000 Fachpersonen teilgenommen haben. Der Vorstand hat daraufhin eine Arbeitsgruppe eingesetzt und unserer Geschäftsstelle den Auftrag gegeben, den neuen Berufskodex zu erarbeiten. Unser Ziel war, einen Kodex zu schaffen, der alle Fachpersonen der Sozialen Arbeit anspricht, auch diejenigen in der französischsprachigen Schweiz.
Wie habt ihr das umgesetzt?
Wir haben zunächst erste Versionen des neuen Berufskodex in einer Arbeitsgruppe erarbeitet. Diese Entwürfe wurden von Fachpersonen in den Regionen sowie von der Kommission von AvenirSocial kritisch diskutiert. Dadurch wurde uns klar, dass wir den Prozess breiter und insbesondere zweisprachig aufstellen müssen, um eine gemeinsame fachliche und sprachliche Identität zu entwickeln. Wir haben deshalb die Arbeitsgruppe neu gebildet und gezielt eine fachliche Begleitung gesucht. Mit Ines Mateos konnten wir eine sehr kompetente Person gewinnen, die uns in diesem Prozess unterstützt hat. Der neue Berufskodex, wie er heute vorliegt, ist aus der Arbeit einer zweisprachigen Arbeitsgruppe und einer ebenfalls zweisprachigen Begleitgruppe hervorgegangen.
Gab es innerhalb der zweisprachigen Arbeitsgruppe auch inhaltliche Differenzen oder Kontroversen?
Nadia: Da es für Begriffe wie Ermächtigung oder Integrität keine allgemeingültigen Definitionen gibt, gab es viel Raum für Grundsatzdiskussionen. Uns war wichtig, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln und Formulierungen zu finden, auf die sich die Beteiligten einigen konnten. Gleichzeitig haben wir uns darum bemüht, die verschiedenen Abschnitte kurz zu halten. Bei der Priorisierung der Themen haben wir uns immer wieder überlegt, was ein bestimmtes Thema für die Soziale Arbeit bedeutet und was Fachpersonen in ihrer Praxis damit anfangen können. Dabei herrschte nicht immer Einigkeit zwischen französischsprachigen und deutschsprachigen Fachpersonen. Nicht nur die Sprache war eine Herausforderung, auch das Arbeitsfeld, die Generation, berufliche Sozialisation etc. Aber genau das war auch ein sehr wertvoller demokratischer und partizipativer Prozess. Dadurch, dass wir den deutschen und den französischen Text gleichzeitig parallel erarbeitet haben, statt den deutschen Text am Schluss zu übersetzen, gab es eine stete Aushandlung der Begriffe und Inhalte und die beiden sprachlichen Versionen konnten aufeinander abgestimmt werden.
Vergleicht man die Autor*innen der ersten mit denjenigen der neuen Ausgabe, zeigt sich auch ein Generationenwechsel. Ist ein wichtiger Teil der Erneuerung, dass eine neue Generation ihre Themen und ihre Formulierungen findet?
Nadia: Ja, das ist sicher so.
« Der Berufskodex spielt eine wichtige Rolle für die berufliche Sozialisation und die Identitätsbildung Studierender. »
Wie wichtig ist der Berufskodex bei der beruflichen Sozialisation angehender Fachpersonen in den Fachhochschulen?
Nadia: Da spielt er eine sehr wichtige Rolle. Er wird den Studierenden abgeben, sie haben Kurse dazu und er trägt zur Identitätsbildung bei. Das ist uns wichtig, weil wir bei unseren Mitgliedern oft feststellen, dass sie sich nicht unbedingt mit Fachpersonen aus anderen Arbeitsfeldern identifizieren. Wir finden es aber sehr wichtig, gemeinsame Grundlagen zu haben und sich zu solidarisieren und gegenseitig zu unterstützen, nicht nur im eigenen Bereich. Die gemeinsamen Definitionen und Orientierungen spielt dabei eine wichtige Rolle. Studierende, die neu in die Institutionen kommen sind zudem sehr wertvoll, da Fachpersonen sich in der täglichen Praxis oft nicht mehr mit Grundsatzfragen beschäftigen. Wir sehen sie daher auch als Multiplikator*innen für die Diskurse.
Der Berufskodex richtet sich an die Fachpersonen. Wie sehr seht ihr auch Organisationen in der Pflicht?
Nadia: Organisationen sind auf jeden Fall auch in der Pflicht. Es wäre schön, wenn Institutionen ihn mit dem Arbeitsvertrag abgeben, mit ihren Mitarbeitenden diskutieren und ihre Leitbilder entsprechend anpassen.
Wie verändert sich die Soziale Arbeit, durch den Berufskodex?
Nadia. Es wäre wohl etwas anmassend zu sagen, der Berufskodex könnte die Soziale Arbeit grundlegend verändern, aber er ist ein wichtiges Grundlagendokument. Alle Studierende lernen ihn während der Ausbildung kennen. Wir möchten jedoch auch, dass ihn Fachpersonen in ihrer Praxis einsetzen. Ob uns dies gelingt, werden wir in ein paar Jahren sehen.
Autor*in

Martin Heiniger
Fachredaktion
Sozialinfo

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