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Gemeinsam für eine sozial-ökologische Zukunft, die niemanden zurücklässt

04.02.2026 - 3 Min. Lesezeit

Portrait von Anne UphoffPortrait von Daniela DuffPortrait von Priska Fleischlin

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Zwei Personen auf dem begrünten Dach eines Stadthauses.

Die «Charta für eine sozial-ökologische Schweiz» bietet Fachleuten der Sozialen Arbeit einen Orientierungsrahmen, wie globale Anliegen lokal umgesetzt werden können.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Fachzeitschrift «SozialAktuell». AvenirSocial stellt uns diesen Artikel kostenlos zur Verfügung. Deine Mitgliedschaft im Berufsverband macht dies - und noch viel mehr möglich.

Die fortschreitende Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen befeuert den Klimawandel und führt weltweit vermehrt zu Umweltkatastrophen. Millionen Menschen sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen – zusätzlich zu jenen, die vor Krieg und Gewalt fliehen.

Auch die Schweiz bleibt davon nicht verschont: Massive Bergstürze wie jüngst in Blatten zeigen, welche Ausmasse der Klimawandel annehmen kann. Obwohl globale Vereinbarungen wie die Sustainable Development Goals (SDGs) auf internationaler Ebene breite Zustimmung erfahren haben, dominiert in der politischen Praxis vieler Staaten weiterhin die Orientierung an nationalstaatlichen Interessen. Wettbewerb wird systematisch über Kooperation gestellt, nationale Souveränität über Prinzipien globaler Solidarität. Diese Prioritätensetzung führt dazu, dass sich zahlreiche Länder der Verantwortung entziehen, nachhaltige Entwicklungen zu fördern, die sowohl ökologischen Erfordernissen als auch sozialen Bedürfnissen gerecht werden.

Die «People’s Charter for an Eco-Social World»

Als Antwort auf diese globale Schieflage wurde 2022 am «People’s Global Summit» die «People’s Charter for an Eco-Social World» entwickelt. Die Charta ist Teil einer weltweiten Bewegung, die angesichts ökologischer Krisen, wachsender Ungleichheit und politischer Zersplitterung für Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Resilienz eintritt. Sie wird von 26 internationalen Fachorganisationen wie IFSW , IASSW und ICS getragen.

Fachpersonen aus aller Welt beteiligten sich am «People’s Global Summit» an einem partizipativen Prozess, der von einer Vielfalt an Glaubensrichtungen, Philosophien, sozialen Bewegungen, Professionen, Generationen, Traditionen und Kulturen geprägt war. Mit der Charta entstand ein Manifest, das gemeinsame Werte und zentrale Prinzipien für eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft formuliert. Die Charta fordert, Menschenwürde, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit nicht isoliert, sondern im untrennbaren Zusammenhang zu denken, und versteht sich als Ausdruck eines kollektiven Aufbruchs (vgl. IFSW/UNRISD 2022).

Perspektiven für eine sozial-ökologische Schweiz

Die Fachkommission Internationales von AvenirSocial beschäftigte sich daraufhin mit der Frage, wie sich diese Charta in die sozialarbeiterische Praxis im schweizerischen Kontext übertragen lässt. So entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Vorstand von AvenirSocial die «Charta für eine sozial-ökologische Schweiz» (siehe Kasten). Sie ergänzt den Berufskodex und soll Sozialarbeitenden eine Orientierung bieten, wie globale Anliegen im lokalen Handlungsfeld umgesetzt werden können. Zugleich unterstreicht sie die berufsethische Verantwortung der Sozialen Arbeit, aktiv an der Gestaltung eines sozial-ökologischen Wandels mitzuwirken (vgl. IFSW/IASSW 2014).

Die Charta ist für die Soziale Arbeit unverzichtbar

Die «Charta für eine sozial-ökologische Schweiz» ist ein Aufruf an Fachpersonen, Organisationen, Ausbildungsstätten und Hochschulen, das gesellschaftliche Mandat der Sozialen Arbeit neu zu definieren und aktiv die dringend notwendige sozial-ökologisch nachhaltige Transformation mitzugestalten, denn die sozialen, ökologischen und ökonomischen Krisen unserer Zeit dulden keinen Aufschub. Es bedarf dringend einer Sozialen Arbeit, die Verantwortung übernimmt, klare Positionen einnimmt und Brücken zwischen sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit sowie zwischen individuellen Lebensrealitäten und globalen Entwicklungsprozessen schlägt. Im Zentrum steht insbesondere das Anliegen, den gesellschaftlichen Wandel als ko-kreativen und demokratischen Prozess zu gestalten.

Der Sozialen Arbeit kommt dabei eine gestaltende, öffentlich sichtbare und politisch wirksame Rolle zu, da sie an der Schnittstelle vielfältiger Themen- und Konfliktfelder agiert und damit über spezifische Gestaltungsmacht im öffentlichen und politischen Raum verfügt. Die «Charta für eine sozial-ökologische Schweiz» akzentuiert in diesem Zusammenhang die Gleichwertigkeit von kulturell gewachsenem Erfahrungswissen und wissenschaftlichem Wissen. Darüber hinaus macht sie sich für die Übertragung von Verantwortung an Gemeinschaften stark und fordert, ihnen weitreichende Entscheidungskompetenzen über soziale und ökonomische Strukturen einzuräumen.

Zukunftsweisende Ansätze als Orientierungsrahmen

Bereits heute zeigen lokale Initiativen, dass die Verbindung sozialer und ökologischer Anliegen keine Utopie ist, sondern praktisch gelebt werden kann: Das Café Nona von Pro Senectute beider Basel beispielsweise ist ein generationenübergreifender Begegnungsort, der lokalen Genuss mit soziokulturellen Aktivitäten verbindet und so die Lebensqualität im Basler Breite-Quartier fördert; die Stiftung ÖKO-Job bietet stellensuchenden Menschen in Basel-Landschaft, Basel-Stadt und Graubünden handwerkliche Tätigkeiten in einem arbeitsmarktnahen Umfeld und orientiert sich dabei an ökologischen Prinzipien; und die WoBe AG in Bern ermöglicht Green-Care-Interventionen, während derer Teilnehmenden von Wohn- und Tagesstrukturprogrammen ermöglicht wird, ihre Beziehung zur Natur (wieder-)zuentdecken und dadurch ihre körperliche, mentale und soziale Entwicklung zu fördern.

Die «Charta für eine sozial-ökologische Schweiz» bietet der Sozialen Arbeit einen Orientierungsrahmen, um derartige zukunftsweisende Ansätze als Teil einer umfassenden gesellschaftlichen Transformation sichtbar zu machen, zu stärken und mit einer globalen Bewegung zu verknüpfen. Sie ermutigt dazu, sozialarbeiterisches Handeln zukünftig so auszurichten, dass soziale Probleme grundlegend in ihrem systemischen Kontext erkannt und bewältigt werden können – und sie nicht vornehmlich als individuelle Herausforderungen betrachtet werden.

Eine andere und bessere Zukunft ist möglich. Bleiben wir mutig und gehen wir gemeinsam neue Wege.

«Charta für eine sozial-ökologische Schweiz»

Die «Charta für eine sozial-ökologische Schweiz» basiert auf den Prinzipien der «People’s Charter for an Eco-Social World»:

  • Gemeinsame Entwicklung von Reziprozität: Adressat*innen gelten nicht als passive Empfänger*innen von Leistungen, sondern als aktive Mitgestaltende. Ihre Expertise über das eigene Leben wird von Fachpersonen als zentral anerkannt.
  • Gemeinsam Frieden schaffen: Die Soziale Arbeit reflektiert gesellschaftliche Rahmenbedingungen kritisch und unterstützt Initiativen, die Selbstorganisation, Mitbestimmung und Vertrauen zwischen Gruppen fördern.
  • Gemeinsam mit der Natur: Die Rechte der Natur sind untrennbar mit den Rechten und Verantwortlichkeiten des Menschen verbunden. Fachpersonen der Sozialen Arbeit fördern bei sich selbst und ihren Adressat*innen ein Bewusstsein für einen nachhaltigen und verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen und berücksichtigen dabei deren Regenerationsfähigkeit.
  • Gemeinsam soziale Gerechtigkeit schaffen: Bestehende Machtverhältnisse werden hinterfragt und gerechtere Entscheidungsprozesse werden aktiv gefördert. Die kollektive Selbstbestimmung ist zu stärken.
  • Gemeinsam Gleichheit verwirklichen: Vielfalt wird als grundlegendes Prinzip verstanden, welches Handlungen und Entscheidungen in der Sozialen Arbeit leitet. Die Soziale Arbeit setzt sich für die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft ein. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit wird gefördert. Lokale Bedürfnisse und Ressourcen vor Ort werden gezielt gestärkt.

Download der Charta bei AvenirSocial

Autor*innen

Portrait von Anne Uphoff

Anne Uphoff

Projektleiterin für intergenerationelle Projekte

Intergenersation

Portrait von Daniela Duff

Daniela Duff

Co-Präsidentin , Supervisorin

CIF - Council of International Fellowship

Portrait von Priska Fleischlin

Priska Fleischlin

Mitglieder Fachkommission Internationales von AvenirSocial

IFSW Global UN Commissioner

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